Karl Ess: ist er authentisch? WE-TAKE-IT hat ihn getroffen!

Er hat ganz unten angefangen, hat sogar schon einmal Möbel geschleppt: Karl Ess. Heute bereits ein Senior unter den Social-Media-Stars, mit circa 1,5 Millionen Followern gehört er zu den neuen Meinungsbildnern oder wie es so schön heißt „Influencern“ dieser Welt. Begonnen hat alles mit Sport-Tutorials auf YouTube, inzwischen besitzt er zahlreiche Firmen und stellt selbst Sportnahrung und Fitnesskleidung her. Karl Ess – ein Coach der ersten Social-Media-Stunden. Aber ist er auch echt? Oder ist er nur ein guter Verkäufer seiner selbst? Wir trafen den erfolgreichen Insider in München und wollten schon mal wissen wie es so um seine Authentizität bestellt ist.

Du bist ja ein Star der ersten Stunde. Lass uns doch mal über Authentizität sprechen.
Ich wollte nie berühmt sein oder ein Star sein. Es gibt ja hier zwei unterschiedlichen Wege: entweder man lernt etwas, hat eine Botschaft, ein Talent, künstlerisch oder sportlich oder es gibt Menschen, die einfach nur nach oben wollen, ins Rampenlicht, egal mit was.

Trotzdem gab es auch bei Dir mal einen Einbruch in der Karriere, Du hast versucht Dinge zu verkaufen (Penispumpen), die vom Publikum nicht unbedingt verstanden wurden. Viele haben sich damals von Dir abgewandt im deutschsprachigen Raum. In anderen Ländern war das Ganze jedoch ein Erfolg.

Die Nachfrage war trotzdem da. Bestellungen kamen dennoch ständig rein. Aber für mich bedeutet authentisch zu sein wirklich Luxus, den sich die meisten nicht leisten können. Ich kenne Profisportler, die verdienen jährlich mehrere Millionen, haben sich aber einen gigantischen Kostenapparat aufgebaut, durch ihren Lifestyle und ihre Freunde. Gleichzeitig haben sie Sponsoren, bei denen sie bestimmte Meinungen einfach nicht äussern können, sonst würden sie den Sponsor verlieren und obwohl sie so viel verdienen, in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Ich hingegen habe mich von 80-90 Prozent aller Sponsoren getrennt und kann von meinen unterschiedlichen Geschäftsmodellen trotzdem leben, auch wenn es mal mit einem Sponsor schwierig wird, Deals abgesagt werden, TV-Shows gecancelled werden, weil ich plötzlich doch nicht in das Format passen würde.

Das ist übrigens der Grund, so denke ich, warum wir Stars oder Sänger lieben: Sie können ihre Meinung auf der Bühne frei äussern und über gewisse Dinge reden. Ich finde das großartig. Denn wir halten sehr viel in uns selbst zurück. Für mich heißt authentisch sein aber auch, seine ehrliche Meinung zu sagen. Das ist ein Riesen Privileg für mich, das ist Luxus und den muss man sich in vielen Fällen auch erst einmal erarbeiten. Und genau das habe ich getan. Ich würde demnach auch alles gleichtun wie damals, ich würde heute nur anders auf das Feedback reagieren. Ich bin damals zurückgerudert. Aber ich hätte einfach sagen sollen: „Passt mal auf Leute, das was ich gesagt habe ist nun gesagt – lasst es uns doch einfach wie erwachsene Menschen behandeln.

Das heißt Menschen sollen immer so sein, wie sie wirklich sind, dann wird’s auch was?

Grundsätzlich: Ja. Aber es geht dabei ja auch immer um das Jobumfeld und nicht nur um Freunde. Wenn ich beispielsweise in den USA die falsche politische Gesinnung habe, kann es sein, dass ich anschließend Schwierigkeiten habe, die Karriereleiter hochzuklettern. Das heißt, ich würde am Anfang natürlich schon mit diesem Thema „Meinung“ versuchen strategisch umzugehen. Aber ich würde auch immer versuchen, mich im Leben mit Menschen zu umgeben, oder in Branchen zu arbeiten, bei oder in denen ich so nah an dem dran bin an dem, was ich selbst auch sein möchte.

Kann man denn auch authentisch sein und seine Meinung trotzdem bewusst nicht äussern?

Ja, kann man. Klar! Wenn ich jemanden treffe und finde, dass er hässliche Schuhe anhat, dann muss ich ihm das nicht unbedingt mitteilen. Ehrlich sein heißt ja nicht, dass ich jedem meine Meinung aufdrücken muss.

Authentizität hat auch etwas mit der eigenen Sensibilität zu tun. Authentizität umfasst die gesamte Persönlichkeit, die ausgedrückt werden möchte und diese ist ja vielleicht nett und rücksichtsvoll.

Ja, eben! Man kann auch mal bestimmten Situationen aus dem Weg gehen. Man muss ja nicht alles direkt herausschreien!. Aber ich wäre sehr vorsichtig damit, mich zu verstellen. Denn ich kenne Menschen, die haben sich eine richtig tolle Leiter aufgebaut, sind eine hohe Mauer empor geklettert und jetzt oben angekommen und haben dann oben gesehen, ach Schrott, ich wollte ja eigentlich auf eine ganz andere Mauer klettern. Ich wollte eigentlich ganz jemand anderes sein. Ich bin jetzt zwar erfolgreich, bin aber damit nicht wirklich glücklich. Und deshalb sollte man sich periodisch immer wieder hinterfragen, wo kommen meine Ziele überhaupt her? Sind es die meiner Eltern, die meines Egos, stammen sie von meinem Umfeld? Was will ich wirklich?

Wobei ein junger Mensch noch gar nicht weiß, wer er ist. Wann denkst Du entwickelt sich eine Persönlichkeit derart, dass Inhalte, die er weitergibt, tragfähig sind und nicht nur beliebige „Badebilder“, wie diese gängig sind in den sozialen Medien?

Es ist ein Prozess der das gesamte Leben begleitet. Auch ich wurde schon oft darauf angesprochen, dass ich vielleicht letztes Jahr eine komplett andere Meinung hatte. Darauf kann ich nur antworten, dass man sich immer so gut wie es geht informieren muss, dass man sich mit anderen Menschen austauschen muss und dann kann man sich eine Meinung bilden und eine eigene Argumentation. Natürlich bin ich in solchen Momenten von meiner eigenen Meinung überzeugt, ich habe aber immer nur ein gewisses Spektrum an Informationen. Man entwickelt sich sein ganzes Leben lang weiter und was für einen jetzt authentisch ist, ist es in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr. Man geht ja bestimmte Entwicklungsstufen durch.

Wenn wir aber nun schon bei den jungen Menschen sind – lass uns doch nochmal über Dein jüngstes Steckenpferd „Bildung“ sprechen.

Wir sind heute in einer Zeit, in der ich sage, dass man selbst sehr viel Eigenverantwortung hat, weil es extrem viele Möglichkeiten gibt. Es gibt da den Spruch: „ The more you learn, the more you earn“ und ich bin auch ein Riesen Vertreter davon: Je mehr ich lerne, je mehr Bücher ich lese, je mehr Projekte ich mache, desto mehr bilde ich mich bisweilen sogar ganz massiv weiter. Wenn man zum Beispiel auch mal ins Altersheim geht und mit etlichen älteren Menschen spricht, was denn deren zwei, drei Tipps aus dem Leben sind. Was die Dinge sind, die sie am meisten bereut haben und so weiter. Egal in welchem Feld ich tätig bin, ob als Architekt, Chemiker, Ingenieur – die Schulbildung alleine hat nie ausgereicht, man musste immer noch viel mehr zusätzlich machen. Das Fachliche ist auch nur eine Ebene. Schließlich gibt es unterschiedliche Intelligenzen, wie die soziale Intelligenz, die zwischenmenschliche, die kulturelle und es gibt Allgemeinbildung. Man muss sich ein breites Spektrum schaffen, dann wird das Leben, meiner Ansicht nach, viel bunter.

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